Von Höchs und Tiefs oder ein Schritt vorwärts und einer zurück

Nicht immer läuft alles so harmonisch wie in der letzten Woche geschildert. Aber im Zeitalter von den Social Medias und den zum Teil sehr harsch geäusserten Kritiken, ist es nicht immer einfach auch über die eher dunkeln Tage zu sprechen. Zu gross ist die Angst, dass man dann in der Luft zerrissen wird. Deshalb habe ich lange mit mir gehadert, ob ich mein Erlebnis mit Harley vom 25. Januar überhaupt teilen will. Aber da dies hier ein Tagebuch sein soll, gehören nun mal die weniger schönen Dinge ebenfalls ausgesprochenJ.

Wie ihr ja im letzten Blog lesen konntet, war ich mit Harley in diesem Jahr hauptsächlich zu Fuss unterwegs da dies seine Therapeutin auch so verordnet hatte. Ich hatte aber auch bereits im letzten Blog geschrieben, dass er seit ein paar Tagen eher etwas lustig unterwegs war. Am Boden stresst mich das jeweils nicht gross, denn er gehört nicht zu der Sorte, welche dich x-Meter durch den Wald schleift…

So kam es, dass ich am 25. Januar das erste Mal wieder einmal drauf sass. Es war ein wunderschöner Tag für einen Ausritt. So beschlossen meine Stallkollegin und ich in Richtung Worb SBB aufzubrechen. Bis zu einer geeigneten Aufstieg-Hilfe liefen wir. Wir steigen aus Prinzip praktisch nie im Stall auf, da die Gelenke jedes Pferdes erst einmal «anlaufen» müssen, bis man sich draufsetzt. Bereits zu Fuss merkte ich, dass Harley sich freut auf diesen Ausflug. Nichts ging schnell genug. Ich dachte mir aber nicht viel dabei, sondern war einfach nur froh, dass wir bei so schönem Wetter mit guter Gesellschaft einen Ausritt geniessen durften.

Kurz nach dem Aufsteigen kam ein Zug von hinten und Harley scheute kurz. Nicht weiter tragisch dachte ich. Beim Hinlaufen diskutierten wir darüber, dass wir doch öfters auf unser Bauchgefühl hören sollten. Darauf kamen wir, weil ich erwähnte, dass ich mir kurz überlegt hatte eher auf den Reitplatz oder in die Halle zu gehen um Harley ein bisschen Freilaufen zu ermöglichen. Aufgrund des schönen Wetters entschied ich mich dann aber dagegen.

An der ersten Kreuzung trafen wir auf einen Traktor und um etwas schneller aus dem Weg zu kommen trabten wir an. Harley startete direkt in den Galopp. Nach ein paar Sprüngen konnte ich ihn aber wieder in Schritt zurücknehmen. Mein Bauchgefühl meldete sich: Sollte ich lieber absteigen und laufen?

Wieder entschied ich mich dagegen. Schliesslich ging es da vorne gleich im Schritt aufwärts und spätestens oben angekommen wäre Harley aus der Puste und das Thema gegessen. Auf dem Waldweg angekommen, liessen wir kurz beide Pferde fressen da beide immer noch sehr nervös waren. Auch das brachte nichts. Als wir die Pferde wieder vorwärtstrieben trabte Harley direkt wieder an. Auch hier parierte ich zurück in den Schritt. Aufgebracht schüttelte er den Kopf und zeigte so sehr deutlich seinen Unwillen. Um uns beide etwas runterzufahren, machte ich mich schwer im Sattel und spielte halbe Paraden. Harley schüttelte nur noch mehr den Kopf. Warum ich nicht spätestens hier abgestiegen bin, kann ich bis heute nicht sagen.

Jedenfalls startete Harley plötzlich in den Galopp. Ich versuchte ihn zu stoppen aber er wurde nur schneller. Mir sackte das Herz in die Hose. Und ich wusste, dass ich nun zwei Möglichkeiten hatte: Entweder ich blieb oben oder ich stieg ab. Der Weg zog sich am Waldrand entlang und nach der Steigung ging es nur noch abwärts. Da ich Angst hatte, dass wir beide stürzen könnten, entschied ich mich für die zweite Variante. Auf dem steinigen Weg und zwischen den Bäumen kam ein Absteigen aber nicht in Frage. Viel zu gefährlich. So lenke ich ihn auf die offene Wiese heraus. Auf dem freien Feld legte er noch einen Zahn zu und ich wusste, dass ich nun keine Change mehr hatte ihn zu bremsen. Es war schwierig in dieser Situation auch nur irgendwie einen kühlen Kopf zu bewahren. Ich hoffte einfach, dass er seinen Lauf stoppen würde, wenn ich nicht mehr drauf sass. Mit dem Herz in der Hose lies ich mich von seiner linken Seite fallen. Wie mir als kleines Kind eingebläut wurde, lies ich auch dieses Mal die Zügel nicht los. Harley stoppte aber seinen Lauf kein bisschen und so wurde ich ein paar Meter über den Boden geschleift bis ich endlich los lies. Für meine Kollegin muss dies extrem schlimm gewesen sein. Scheinbar hatte es mich wie eine Puppe durch die Luft geschleudert (davon bekam ich nichts mit) und aus der Ferne sah es aus, als wäre Harley auf mich draufgestanden. Zum Glück war dies aber nicht der Fall und ich fiel im nassen Gras relativ weich.

Immer noch ausser Atem stand ich auf und rief und pfiff nach Harley. Dieser war bereits einige Meter den Hügel runter und hatte seinen Lauf kein bisschen verlangsamt. Ohne einen einzigen Blick zurück zu werfen lief er ungebremst weiter. Verzweifelt musste ich mit ansehen, wie er in gestrecktem Galopp nach Hause lief. Zum Glück sah ich auch, dass kein Auto seinen Weg kreuzen würde. Meine Kollegin rief sofort im Stall an um mitzuteilen, dass er unterwegs nach Haus sei und wir nun zurücklaufen würden (danke noch einmal hierfür, ich fand mich in diesem Augenblick nicht im Stande dazu). Mir brummte der Schädel. Ansonsten war mir aber nichts passiert. Einzig die Angst, dass Harley auf dem nach Hause Weg etwas passieren könnte, hielt mich fest im Griff. So machten wir uns auf dem gleichen Weg zurück wie wir gekommen waren, da dies definitiv die kürzere Variante war.

Auf halber Strecke kam uns dann die Stallkollegin mit Harley an der Hand entgegen. Er war schweissnass und sein Herz pumpte immer noch vor Anstrengung. Immerhin waren es ein paar Kilometer nach Hause gewesen. Augenzeugen berichteten dann, dass er einzig beim Bach kurz gestoppt hätte bevor er drüber sprang. Bei unserem Nachbarbauern lief er noch durch einen Zaun (zum Glück keinen Stacheldraht!) und blieb dann stehen. So dass er ohne Probleme eingefangen werden konnte.

Schlussendlich ritt ich die paar Meter noch nach Hause.

Vielleicht würden mir einige dazu raten eine schärfere Trense zu verwenden. Ich tue aber das genaue Gegenteil. Da sich Harley so ab der Trense aufgeregt hatte (das erwähnte Kopfschütteln), habe ich nun beschlossen das Ganze für eine Weile Gebisslos anzugehen resp. In einer Kombination. Vor ein paar Wochen habe ich mir einen Kappzaum besorgt mit der Möglichkeit dort auch eine Trense einzuhängen. Ich werde nun jeweils meine Zügel auf der Seite des Kappzaums befestigen und den Führstrick mithilfe einer Longier-Brille an der Trense befestigen. Dort wird dann nur im äussersten Notfall von meiner Kollegin eingewirkt. Wir waren dieses Wochenende bereits in dieser Kombination unterwegs und Harley hat es gut angenommen. Und ich muss so keine Angst haben, dass ich ihm im Maul weh tue.

Die Moral an der Geschichte? Wäre ich alleine unterwegs gewesen, wäre ich spätestens nach dem Erlebnis mit dem Traktor abgestiegen und hätte so auf mein Bauchgefühl gehört. Ich hatte mich zu sehr darauf verlassen, dass er an seinem Stallkumpel (oder mir) hängt um Durchzubrennen.

Der Grund für das Ganze? Zu wenig Bewegung. Ein paar Tage vorher konnten unsere Pferde aufgrund des gefrorenen Bodens nicht auf die Weide.

Mir war die ganze Geschichte eine Lehre und ich bin einfach nur froh, dass nichts Schlimmeres passiert ist.

Ich bedaure es aber, dass mir der Schreck nun wieder so dermassen in den Gliedern sitzt, dass ich mich wieder nur als Handpferd ins Gelände wage. Darum: Ein Schritt vorwärts und zwei zurück.

Bild: Dauert wohl jetzt wieder ein Weilchen, bis wir wieder so unterwegs sind.